{"id":512,"date":"2019-06-14T15:54:49","date_gmt":"2019-06-14T13:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iks-schreibinstitut.de\/Wordpress\/?p=512"},"modified":"2019-06-14T15:54:49","modified_gmt":"2019-06-14T13:54:49","slug":"tagebuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iks-schreibinstitut.de\/?p=512","title":{"rendered":"Tagebuch"},"content":{"rendered":"\n<p>\n\nTagebuch &#8211; Claus Mischon \u00fcber das Schreiben\n\n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schreiben von A &#8211; Z<\/strong><br>Zu jedem Buchstaben des ABC assoziiere ich W\u00f6rter\/Begriffe\/Metaphern, die mir zum Thema Schreiben einfallen. Daraus w\u00e4hle ich die W\u00f6rter, die mich am meisten reizen und notiere rund um diese Impulsw\u00f6rter meine Assoziationen zum Schreiben.<br><br><strong>Anfang<\/strong><br>Man mu\u00df anfangen. Den ersten Satz schreiben, dann hat man schon einen. Und weiter geht es mit dem zweiten, dem dritten. Schreiben hei\u00dft auch: losschreiben.<br><br><strong>Chaos<\/strong><br>Da ist ein Spuk in deinem Kopf. Da kratzt einer deine innersten Bilder  mit einem Messer an. Da ist auf einmal Spannung bis zum Platzen. Und  dann platzt das Chaos.<br><br><strong>Goethe<\/strong><br>Vergessen Sie Goethe. Ich vergesse immer Goethe. Ich denke beim Schreiben nie an Goethe. Und ich schreibe jeden Tag.<br><br><strong>Jetzt<\/strong><br>Schreiben ist immer vollendete Gegenwart. Was du jetzt denkst, kommt  etwas sp\u00e4ter an auf dem Papier. Aber was du jetzt denkst, schreibe es  hin, sonst ist es weg. Schreiben duldet den Aufschub nicht, es ist  langsam genug. Unendliche Ann\u00e4herung: Denken auf dem Papier.<br><br><strong>Jagd<\/strong><br>Wenn das Schreiben zur Jagd wird, dann jage. Scheue dich nicht, ein Wort  bis in den letzten Winkel zu verfolgen. Ich habe schon stundenlang  W\u00f6rter  eingekreist. Was hei\u00dft stundenlang? Lebenslang jage ich beim  Schreiben W\u00f6rtern hinterher. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Landausflug<\/strong><br>Und ich werfe alles hin, ich lasse alles liegen, wenn ein Text auf der  Stelle tritt. Ich nehme mein Notizbuch, meinen Stift und ab geht es,  raus mit der Bahn, raus auf\u2019s Land. Zwischen die B\u00e4ume, auf die Wiesen,  an die Theke im Dorfkrug und ich schreibe, was mir das Land zu erz\u00e4hlen hat.<br><br><strong>Lust<\/strong><br>Lust ist eine gute Sache. Und wenn sie nicht da ist, greife zum Trick.  Zum Beispiel, setze dich hin, jeden Tag, und sage dir: Lust zu was ist  eine gute Sache. Und schreibe es.<br><br><strong>Namentlich<\/strong><br>Setze deinen Namen unter deinen Text. Es wird geklaut. \u00dcberall sind Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger. Schon seit ewigen Zeiten.<br><br><strong>Nervenpunkt<\/strong><br>Schreiben darf die Nerven aufr\u00fctteln. Schreiben soll an den Nerven r\u00fctteln. Schreiben kann die Grenze \u00fcberschreiten. Ja, nur wenn Grenzen  \u00fcberschritten werden, trifft Schreiben meistens zu. Was zutrifft, das  ist der Nervenpunkt. Was nicht trifft, trifft auch nicht zu.<br><br><strong>Oberlehrer<\/strong><br>Schreibe dem Oberlehrer einen Drohbrief. Oder besser: Schreibe das Portr\u00e4t des Oberlehrers in dir.<br><br><strong>Pers\u00f6nlich<\/strong><br>Ich schreibe immer pers\u00f6nlich. Denn wenn ich nicht pers\u00f6nlich schriebe, wer sollte es sonst f\u00fcr mich tun. Es w\u00e4re dann ja unpers\u00f6nlich. Ich kann  es nur pers\u00f6nlich, auch mit anderen. Was denn sonst. Wir schreiben doch alle pers\u00f6nlich.<br><br><strong>Umwege<\/strong><br>Umwege nehme ich in Kauf. Schreiben ohne Umwege geht nicht. Es gibt  keine Schreib-Einbahnstra\u00dfen. Beim Schreiben kann jeder Seitenweg zur Allee der Kosmonauten werden.<br><br><strong>Zunft<\/strong><br>Deshalb vergesse ich auch jede Zunft. Die Zunft der Schreiber beschr\u00e4nkt deine Handschrift. Vergesse jede Zunft. Ich schreibe z\u00fcnftig, aber  nicht nach irgendeinem Zunftstil. <br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Und weil immer wieder gefragt wird: &#8222;Was bitte ist denn die romantische Ironie?&#8220;<\/strong>,<br><br>hier das P.S. zur Romantik und ihrer Ironie:<br><br><strong>Romantik und ihre Ironie<\/strong><br><br>Wie halte ich es mit der romantischen Ironie? <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so ganz ernst. Also nicht so auf puren Witz getrimmt. Romantische  Ironie, ist es nicht das Augenzwinkern des schreibenden, des malenden, des gestaltenden Menschen, in dem was er schreibt, malt, gestaltet zu zeigen, dass er schreibt, malt, gestaltet? \u201eWas der Maler malt, ist ein  Bild\u201c, sagt, wenn ich mich richtig erinnere, ein Komponist. Ist es Arnold Sch\u00f6nberg? Ich glaube ja. Er meint, wenn du auf einem Bild eine Kuh erkennst, um Gottes Willen, meine nur nicht, das sei eine Kuh. Was du da siehst, das ist Farbe auf Leinwand. Was du siehst, ist keine Kuh, was du siehst, ist ein Bild. Gemacht, produziert, vielleicht, um mit der  Wirklichkeit zu spielen. Also: romantische Ironie hat f\u00fcr mich damit zu  tun, dass sich der \u201eK\u00fcnstler\u201c zu erkennen gibt als gestaltende Figur. Romantiker spielen mit der Wirklichkeit. Sie schaffen eine neue Wirklichkeit. Sie bilden nicht eine Wirklichkeit ab. Was bitte ist die Wirklichkeit? Wenn Alfred Hitchcock in einem Film von Alfred Hitchcock  als Alfred Hitchchock einen Bus besteigt, ist das nicht romantisch? Ist das nicht ironisch? Alle warten. Achtung, jetzt kommt gleich Hitchcock. Aber nat\u00fcrlich nicht wirklich, nur vorne auf der Leinwand.<br><br>Ein romantischer Schreiber, eine romantische Schreiberin? Ja, die  schauen sich beim Schreiben immer selber zu und geben dem Text ein bisschen Zucker. Ironischen. Tu nicht so realistisch, du Text. Wechsle mal deine Perspektive. Bringe ein Wort als Kontrapunkt, ein geheimes Wort, zum Beispiel \u201eProvinz\u201c. Und es kann sein, dass der Text sich danach verst\u00e4dtern l\u00e4sst, ganz rauh (die Reformer schreiben rau) und laut wird. Oder umgekehrt in einen pf\u00e4lzischen Rhythmus kommt.<br><br>Verliere ich mich? Kann sein. Romantik hat was Entziehendes. Ach. Man kann vor lauter Ironie melancholisch werden. Aber sind nicht Melancholiker auch Romantiker?<br><br>Claus Mischon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuch &#8211; Claus Mischon \u00fcber das Schreiben Schreiben von A &#8211; ZZu jedem Buchstaben des ABC assoziiere ich W\u00f6rter\/Begriffe\/Metaphern, die mir zum Thema Schreiben einfallen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-512","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"featured_image_urls_v2":{"full":"","thumbnail":"","medium":"","medium_large":"","large":"","1536x1536":"","2048x2048":"","post-thumbnail":""},"post_excerpt_stackable_v2":"<p>Tagebuch &#8211; Claus Mischon \u00fcber das Schreiben Schreiben von A &#8211; ZZu jedem Buchstaben des ABC assoziiere ich W\u00f6rter\/Begriffe\/Metaphern, die mir zum Thema Schreiben einfallen. 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